Die Grafen von Kessel

Balderich Denkmal

Das Standbild Graf Balderich`s als Hüter und Wächter an der Zufahrt des Immunitätsbereiches des Münsters und der Stiftskirche zu Mönchengladbach.

Ansfried und Balderich könnten als die Stammväter der Kessel bezeichnet werden.

Es ist zudem auffällig, dass ab diesem Sohn Balderik, die Grafen von Kessel bis zu deren Aussterben 1305, – also für 325 Jahre ! – , zwar mit einigen Unterbrechungen, aber immer wieder das Amt der Altar- und Domvögte für das Münster in Mönchengladbach, als auch für St. Pantaleon in Köln inne hatten. Also für das Grab des Heiligen Sandrad und für das Grab von Theophanu, …. möglicherweise Balderiks leiblicher Mutter ?

Eine Art „Grabpflege“ ?…. eine Art „Geschichtlicher Auftrag“ ?…ein „Vermächtnis“?Und …ein Bastard ist der Stammvater der Grafen von Kessel !

Dieses heute abfällige Wort Bastard stammt aus dem Französichen: „file bas“ (Aussprache: „Fije ba“), und meint lediglich „niedriger Sohn“, das heißt, ein vom Stand her adeliger Sohn mit einer nicht rechtmäßigen Frau.

Balderich und Hitta

Balderich und Ehefrau Hitta als Stifter der Kirche Mönchengladbach

Balderich und seine Frau Hitta mit der von ihnen gestifteten Stiftskirche (nicht dem Münster) in den Händen. Beide Namen finden in Mönchengladbach mehrfach in Straßen und Einrichtungen Verwendung.

 

 

Erzbischof Gero von Köln und der besagte Mönch Sandrad als Stifter des Münsters zu Mönchengladbach.

Doch nochmals zurück zu Theophanu: mit der Zeit konnte sie sich im Reich und gegen ihre herrschsüchtige Schwiegermutter Adelheid besser durchsetzten, nicht zuletzt wegen ihrer Willensstärke und ihrer diplomatischen Eigenschaften.

Im Jahre 984, kurz nach dem Tod ihres Mannes (+7.12.983), beruft sie und Ihre Schwiegermutter, Kaiserin Adelheid mit ihrer weiblichen Verwandtschaft einen Reichstag auf den Reichshof und die Kaiserpfalz nach Rara ein (Kirchenburg in Rohr bei Meiningen/Südthüringen). Von Frauen einberufen, ein vorher noch nie dagewesener Vorgang. Hier muß Heinrich der Zänker, Graf von Bayern, ihr angeheirateter Cousin, ihren geraubten, vierjährigen Sohn, Otto III. , ihr wieder aushändigen, und auf seinen angemeldeten Königsanspruch verzichten.                                             Hier wurde am 29.6.984 deutsche und europäische Geschichte geschrieben.                    Theophanu wurde zur mächtigsten Frau Europas.

 

Ansfried muss sich hier sehr verdient gemacht haben, wie schon erwähnt, und wird mit so vielen Besitzungen beschenkt, ja sogar an den königlichen Einkünften beteiligt, dass die Bischöfe intervenieren.

Theophanu regierte danach das Heilige Römische Reich mit ihrem minderjährigen Sohn recht kriegsfrei und unangefochten für weitere 8 Jahre. In dieser Zeit wurde Sie zur mächtigsten Herrscherinnen des Mittelalters in Europa.

Theophanus Grabplatz in der Kirche St. Pantaleon in Köln

Theophanus Lieblingsstadt war Köln und ihr Wunsch-Grabplatz ist die Kirche St. Pantaleon in Köln. Sankt Pantaleon war ihr Lieblings-Heiliger aus ihrer Heimat. Auch Erzbischof Gero von Köln, Ihr Stiftungs-Brautvater, liegt hier begraben.

Früh verstirbt sie, mit nur 31 Jahren, plötzlich, es heißt: “an unbekannter Ursache“, auch in Nijmegen, im Valkhof, am 15.6. 991.

Sie ist vermutlich vergiftet worden:

Man fand sie am Morgen der Reichstagseröffnung, alles wartete auf ihr Erscheinen, tot im Bett. Möglicherweise starb Theophanu an kapetingischem Gift, denn einer der rebellischen westfränkischen karolingischen Herrscher, Hugo Capet, der von Theophanu zur Ruhigstellung, unter dem endgültigen Verzicht auf Lothringen, zum dortigen König gekrönt worden war, dieser Hugo Capet sollte auf dem Reichstag 991 in Nijmegen als Gegenbedingung Theophanu huldigen, und somit Theophanus Oberhoheit als Kaiserin über ihn anerkennen, also auch den damit wiederhergestellten einheitlichen Kaiserreichsgedanken.

Dies kam mit der Vergiftung nicht zustande.

Die Kapetinger als Westfranken beriefen sich auf die Nachfolge Karls des Großen, und sind über die daraus entstandenen Bourbonenkönige das bis heute im Mannesstamm nicht ausgestorbene Hochadelsgeschlecht in Europa.

Dies könnte für die geschichtlich trennende Weiterentwicklung Frankreich – Deutschland ein ausschlaggebendes und wichtiges Ereignis gewesen sein. 1000 Jahre Feindschaft, Konflikte und Kriege zwischen Deutschland und Frankreich hatten vielleicht hier mit ihren Ursprung.

Anders gesagt:

Hier das Heilige Römische Reich, später: Deutscher Nation, mit Frankfurt und Aachen als Wahl- und Krönungsstätten, und dort

das sich als wahrer Hüter des Merowingisch-Korolingischen Erbes verstehende Frankreich mit Reims und später Paris als Krönungsstätte der französichen Könige.“

Zurück zu Theophanu:

an Theophanus jährlichen Todestag, dem 15. Juni, findet heute immer noch in St. Pantaleon in Köln an ihrem Sarkophag ein ökumenischer Gottesdienst für die Einheit der katholischen und byzantinischen Christen statt. Und die Koptischen Christen feiern heute hier Ihre Feste und Tauungen.

Hl. Ansfried mit Abteikirche

Hl. Ansfried mit Abteikirche

Nach dem Tode Theophanus vermachte Ansfried, der nun 19 Grafschaften besaß, alle ihm geschenkten Besitzungen an Klöster und Stifte, und wollte Mönch werden. Teils schreiben die Chronisten: „ Er hätte sein Gesicht verloren“, teils, sei er tatsächlich blind geworden. (Zu sehen ist das auf dem weiter unten gezeigten Bild, auf dem linken Glasfenster in der Westkrypta der Stiftskirche von Thorn).

Vielleicht sah er, dass er die nicht beurkundeten Schenkungen Theophanus und ihres Sohnes politisch nicht mehr halten konnte, zudem die Erziehung des noch minderjährige Otto III. den Bischöfen anvertraut wurde, die damals bei den Schenkungen                                                             intervenierten.

Utrechter Dom

Utrechter Dom vor dem Einsturz 1674

Nach anfänglicher Weigerung und auf dreimaliges Drängen der Bischöfe und Otto III., legte Ansfried im Jahre 995 im Dom zu Aachen in der Pfalzkapelle im Beisein des Kaisers und vieler Größen des Reiches und viel Volk sein Schwert und die Rüstung auf dem Marienaltar nieder, und wurde zum 9. Bischof von Utrecht gewählt.

Wurde er nach Utrecht weggelobt ?

Oder wird er politisch kaltgestellt ?

Zu lesen sind schöne, diplomatische Worte :

Der Bischof von Lüttich, Noitger schreibt dazu, vielleicht sogar scheinheilig : „Viele sollen in Aachen Tränen in den Augen gehabt haben , so beliebt und kompetent soll er gewesen sein“.

Wir müssen sehen, dass der 11-jährige Otto III., erst recht nach dem Tod seiner Mutter Theophanu , unter dem Erziehungseinfluss dieser beschriebenen Bischöfe stand.

Oder wollte man vielleicht einen weitergehenden Einfluss dieses mächtigen Grafen Ansfried im Reich so vermeiden ?

Man findet darüber nichts klar Geschriebenes.

Utrechter Dom ohne Langschiff nach dem Orkan 1674

Utrechter Dom ohne Langschiff nach dem Orkan 1674

Beim Vergleich der beiden Bilder des Utrechter Doms fällt auf, dass an der Apsis die seitlichen Stützbögen (sog. Druckableitungsbögen) vorhanden sind, diese aber am Mittelschiff fehlen. Es sind glatte Wände.

Das Mittelschiff fehlt heute komplett. Im Jahre 1674 stürzte das Langhaus des Domes durch einen Orkan ein. Grund waren die aus Geldmangel fehlenden Druckableitungbögen, die eigentlich in der Gotik aus statischen Gründen nötig waren. Nur der Turm und das Querschiff mit der Apsis blieben stehen. Spätestens seitdem ist das Grab Ansfrieds dort verschollen. Erst im 19. Jahrhundert wurden die Trümmer weggeräumt. Heute ist dort zwischen Turm und Querschiff ein Platz mit Cafés. Die Gewölbe unter dem ehemaligen Mittelschiff sind heute wieder durch Führungen und mit modernen Medien erlebbar.

Dies alles erklärte mir ein Domführer, als ich dort war, und nach dem Grab von Ansfried fragte.

Ansfried-Codex

Ansfried-Codex: Geschenkt d. Dom zu Utrecht gest. 1010

Dem Utrechter Dom stiftete Ansfried während seiner Amtszeit als Bischof eine kostbare Bibel, den Codex Ansfried.

Im Jahre 1006/7 leistete sich Ansfried, vier Jahre vor seinem Tod im Alter von 71 Jahren, in Utrecht noch einmal ein Husarenstück :

Die Utrechter hatten erfahren, daß die Normannen die Stadt mal wieder angreifen wollten. Er ordnete an, daß die Kaufmannssiedlung am Fluss „Vecht“ so schnell wie möglich geräumt wird, und sich alles hinter die Stadtmauern in Sicherheit bringt. In dem Moment aber, in dem die Normannen von den Schiffen in die Handwerkerstadt stürmen wollten, ging diese in Flammen auf, von den Utrechtern selbst angesteckt. Die Normannen waren so verstört und von Panik ergriffen, daß diese Hals über Kopf in ihre Boote flüchteten und das Weite suchten. Sie hatten seitdem solchen Respekt und Angst vor Ansfried, daß sie nie wieder Utrecht angegriffen haben“.

Ansfried überlebt Otto III. um 8 Jahre, er stirbt 1010, erblindet im Alter von ca. 75 Jahren in seinem Kloster Hohorst bei Utrecht als Mönch. Die letzten Jahre kümmerte er sich hier nur noch um Arme und Kranke.

Brunnenbildnis in Huy

Brunnenbildnis in Huy – Ansfried verteilt Almosen an die Armen und Kranken

Mit dieser Brunnenstatue auf dem Gran Place in Huy (20 km maasaufwärts von Lüttich) wird Ansfried beim Verteilen von Almosen an die Armen und Kranken dargestellt. Ansfried war auch Graf von Huy.

Seine Tochter Benedicta schlichtete sogar einen fast bewaffneten Streit zwischen dem Utrechter Domkloster und den Mönchen des Klosters Hohorst um seinen Leichnam. Er wird auf Ihre Anordnung hin schließlich im Utrechter Dom begraben.

Das Herz und die Leber Ihres verstorbenen Vaters jedoch nimmt Sie mit, und setzt diese im Bleisarg ihrer Mutter Hilsondis in der Crypta von Thorn bei, der Stiftung Ihrer Eltern. Wir sehen das in den nachfolgenden Bildern :

Abteikirche Thorn Westwerk

Abteikirche Thorn Westwerk

Hier im aufgehenden Mauerwerk des Westturmes (Westwerkes) der Abtei Thorn sind noch die Reste des romanischen Baues zu sehen. Der stille, schöne Ort mit seinen weißen Häusern wurde ab dem 12. Jhdt. zu einem Beginenstädtchen.

Unter diesem Turm in der Westkrypta befinden sich zwei moderne Glasfenster von 1956 mit Ansfried und Ehefrau Hilsondis, der Stifterin. Ansfried hat hier tatsächlich „ einen Schleier vor den Augen“ oder zwei Gesichter nach rechts und links, und blickt den Betrachter nicht mal mehr an. Den Utrechter Dom in Arm, die Bischofsmütze auf dem Kopf, aber mit den Händen hält er sich noch an Schild und Schwert fest, und die Rüstung trägt er noch unter seinem Bischofsgewand. Hieran wird meines Erachtens seine Tragik sichtbar.

WestKrypta Thorn

Westkrypta Thorn: Ansfried und Hilsondis

Auf dem rechten Glasbild kommt Benedicta als erste Äbtissin von Thorn in Begleitung ihrer Stiftsdamen mit dem Bischosstab und Herz und Leber ihres Vaters aus Utrecht in Thorn an, und Ihre Mutter weist mit dem Finger , dass das in die Thorner Kirche gehöre.

 

 

 

Ansfrieds erster Sohn Faustradus erhält Huy (niederl.( Hoei ), Ansfrieds väterliches Erbe, 20 km südlich von Lüttich an der Maas gelegen.

Seine Tochter Benedicta bekommt die Abtei Thorn als 1. Äbtissin, deren Stifterin ihre Mutter Hilsondis war, gegründet im Jahre 992. Und Balderik, der „uneheliche“ Sohn, bekommt die Grafschaft Kessel an der Maas.

Sehr viele seiner Besitzungen steckte Ansfried in die beiden gegründeten Köster Hohorst bei Utrecht und in die Abtei Thorn .

Thorn, 10 km südlich Roermond an der Maas, war sehr begütert, wurde später sogar reichsunmittelbar, die Fürst-Äbtissinnen hatten einen Sitz im Reichstag, das Münzprägerecht und 8 Adels-Nachweis-Pflichten für Bewerberinnen. Ein außerordentlicher Status.

Z.B. wurde eine Tochter von Schloss Dyck, eine von Salm-Reifferscheid-Dyck, dort um 1600 Äbtissin.

Alle Drei : Ansfried, Ehefrau Hilsondis, und die Tochter Benedicta werden später selig gesprochen.

Wir sehen auf den Stammbäumen mehrfach den Titel Vögte von…, und die entstehende Verwandtschaft mit den Grafen von Krieckenbeck, aus der sich später die Verwandtschaft mit den Grafen von Geldern entwickelte. Diese Bedeutung wird uns noch klar beim späteren Verkauf der Grafschaft Kessel im Jahre 1279.

Noch etwas zum Land Kessel selbst:

Die Grafschaft Kessel war ein Flickenteppich, kein großes zusammmenhängendes Territorium wie Jülich oder Geldern mit fetten Böden, Tuchgewerbe und Bodenschätzen(Eifel). Das kleine Land Kessel bestand aus Sandböden und grenzte an den Peel, ein riesiges Sumpfgebiet im Westen, und im Osten war der erwähnte nasse Mülgau. Gründungsgrund war ja im Jahre 950 n. Chr. die Sicherung der Maas gegen die Normannen und die Wiederbesiedlung des Maasraumes gewesen.

Die Haupteinkünfte von Kessel waren überwiegend Einnahmen aus Ämtern, vielen Mühlenrechten und Streubesitz.

Balderic-Nachfahren

Stammbaum von Balderic mit seinen Nachfahren bis zu Heinrich I., Vogt von Pantaleon in Köln und Graf von Kessel und von Kriekenbeck

Heinrich Stammbaum

Verwandtschaftsaufstellung

Hier eine mit Handnotizen ergänzte Verwandtschaftsaufstellung mit den Verheiratungen zwischen den Grafenhäusern Jülich und Kessel. Weiterhin sind zu sehen die Nachkommen Ansfrieds und die Grafen von Kessel, von Heinrich I. bis Heinrich V., für rund 350 Jahre bis zu deren Aussterben im Jahre 1305.

Wie weiter oben geschildert, waren alle Grafen von Kessel (mit Unterbrechungen) für 12 Generationen Vögte von Mönchengladbach und St. Pantaleon, bis zu Ihrem Aussterben, also für rund 300 Jahre.

Drei Generationen nach Balderik treffen wir auf Graf Heinrich I. , bis zu seinem Tod auch Graf von Krickenbeck ( Bild s.o.), der sich im Investiturstreit in der Schlacht bei Andernach 1114 an der Seite von Erzbischofs Friedrich I. gegen Kaiser Heinrich V. beteiligte. Man war zwar siegreich, aber Heinrich, ein alter Haudegen, doch schon hoch an Jahren, starb an einer Stichverletzung in der Schulter, eine andere Quelle berichtet, dass er unter die Pferdehufe der eigenen Truppe kam, und zu Tode getrampelt wurde.

In feierlichem Geleit wurde er nach Köln gebracht, und mit großem Pomp und Ehren im Domkloster neben dem Dom beigesetzt.

Die Ahnenreihe der Grafen von Kessel ging dann weiter über Gerhard, Heinrich II. , Walter, Heinrich III. , Heinrich IV. und Heinrich V.

Siegel der Grafen von Kessel-Heinrich V. aus 1279

Siegel der Grafen von Kessel-Heinrich V. aus 1279

Sie siegeln mit einem nach rechts springenden Löwen, der eine Grafenkrone auf dem Kopf trägt. (Vom Schildträger aus gesehen.)

Nach dem Erwerb von Haus Broich (Grevenbroich) als Lehen, verbunden mit der Vasallenpflicht, möglich so ab 1220-1238 durch Erzbischof Heinrich I. v.Müllenark, kamen die Grafen von Kessel danach ins Gehege mit der Expansionspolitik der Kölner Erzbischöfe, besonders mit Konrad v. Hochstaden, einem rücksichtslosen Menschen. Das Erzbistum wollte von Köln bis Münster ein durchgängiges Territorium schaffen. Und die Grafschaft Jülich drängte selbst zum Rhein.

Der Zeitraum um 1220 könnte richtig sein, weil ca. 60 Jahre Fehden mit Köln nicht entstanden wären, wenn die Grafen von Kessel die Besitzung Grevenbroich nicht besessen hätten.

Die Erft war ja die Trennungslinie der Machtbereiche zwischen Jülich und Köln, Grevenbroich wirkte wie ein Keil Richtung Köln, und dies war dem Erzbischof ein Dorn im Auge.

Für die Grafen von Kessel könnte der Erwerb von Grevenbroich durchaus Sinn gemacht haben. Man beherrschte so die wichtige Handelsstraße von Köln bis Brabant, die weiter nach Antwerpen und in andere Seehäfen lief. Mit den Brücken- und Straßenzöllen über die Erft mit Burg Grevenbroich, über die gefährliche Schwalm, Hollands schnellstem Fluß, mit Burg Brüggen, und über die Maas mit Burg Kessel, hatte man dreimalige Einnahmen, wir würden heute sagen : eine „Wertschöpfungskette.“

Der Weg zwischen Brüggen und Kessel heißt übrigens heute noch „Kölner Weg“.

Und für Jülich ergab es strategisch ebenso Sinn, mit den Grafen von Kessel als Verwandtschaft gegen den Erzbischof besser aufgestellt zu sein. Die Erft war die Trennungslinie der Machtbereiche.

Die eigentlichen Kontrahenten waren ja Jülich und das Erzstift Köln, nicht Kessel. Vielleicht wurde Kessel über die Einheirat vor 1200 ins Jülicher Grafenhaus mit in diesen Konflikt hineingezogen. Ja, schlimmer noch, Jülich hat vielleicht den Erwerb von Grevenbroich den Grafen von Kessel „schmackhaft“ gemacht und/ oder organisiert, mit dem Lockargument „Wertschöpfungskette“. Vielleicht war Jülich insgeheim sogar froh, dort einen Verwandten an „vorderster Front“ zu haben, der „die Knochen hinhielt“.

Haus Broich(Grevenbroich) war vom Erzbischof von Köln als Lehen mit der damit verbundenen Vasallenpflicht vergeben worden. Vielleicht, wollte man damit die verschwägerten Häuser Kessel und Jülich in Konflikt bringen, und wieder auseinander dividieren ? Man kann nur vermuten.

Konrad von Hochstaden, bekannt als rücksichtsloser Mensch, „luchste“ seinem Bruder den gesamten Hochstadener Familienbesitz ab, sodass auch Frimmersdorf und Gustorf jetzt kurkölnisch wurden. Er baute hier sofort eine Burg gegen Jülich und Grevenbroich, und schob den Jülichern mit Hülchrath, Frimmersdorf und Gustorf so nach Osten hin einen Riegel vor, „vor die Nase“, ausgestoppt, halb umzingelt. Und die Kessel in Grevenbroich hatten Jülich als Stärkung im Rücken. Jülich drängte bekanntlich zum Rhein, und das Erzstift Köln wollte seine zerstückelten Besitztümer durchgängig arrondieren. Die kommende Konfrontation war im Grunde so schon installiert.

Es folgten für gut 60 Jahre kriegerische Auseinandersetzungen und Fehden. Jeder der amtiernden Erzbischöfe dieser Zeit kam in die Gefangenschaft von Jülich, teils sogar für Jahre. Es ging hin und her.

Auf der anderen Seite aber war gerade für „Kessel“ der Erzbischof von Köln quasi der gößte „Arbeitgeber“ im Reich für die Vergabe von Ämtern, Privilegien usw. Und sie standen mit Grevenbroich in der Vasallenpflicht gegenüber den Erzbischöfen. Sie hatten ja Haus Broich (Grevenbroich) einmal als Lehen bekommen. „Ein Dilemma.“!

Um sein Ansehen, Macht und Rückhalt zu stärken, heiratete Graf Heinrich IV. von Kessel (schon vor 1195) in das Jülicher Grafenhaus ein, und wird Schwager von Wilhelm III. von Jülich.

In Köln, gegenüber dem Dom, in der damaligen Dranggasse, unterhielten die Kessel praktisch als „diplomatische“ Vertretung, gemeinsam mit den verwandten Jülichern und Blankenheimern, das Haus zum „Turm“, eines für diese Zeit typischen Geschlechtertürme des Stadtadels.. (Beispiele: Frankenturm in Trier, 11 Türme in Regensburg, als auch in San Gimigniano in der Toskana, mit Eingang im 1. Stock mit einer Zugleiter aus Holz) .

Der Aufwand in Köln, um am Erzbischöflichen Hof und am Puls der Zeit mit dabei zu sein, kostete viel Geld. Köln war im Mittelalter lange Zeit die größte Stadt Europas. (40.000 Einwohner). Und wegen des gigantischen Zustroms von Pilgern zu den jetzt hier gezeigten Reliquien der Heiligen Drei Könige musste man sogar einen größeren, den heutigen Dom bauen. Dies alles wirkte zusätzlich preistreibend.

Graf Wilhelm von Kessel muss sich schließlich 1250 in einem Schiedsspruch gegenüber dem Erzbischof erklären, auf welcher Seite er nun stehen will, auf Jülicher Seite oder auf der Seite des Erzbischofs. Er entscheidet sich für die Jülicher Verwandtschaft.

Und das brachte ihm nun noch mehr Schwierigkeiten mit Erzbischof Konrad von Hochstaden ein, der den Grafen von Kessel ab da das Leben richtig schwer machte.

Um den Zusammenhalt mit Jülich weiter zu festigen, verheiratete Wilhelm seine Tochter Isabella noch vor 1295 mit seinem Neffen, dem Grafen Gerhard V. von Jülich (s.Bild „Verwandtschaftsaufstellung oben“).

Danach kommt schließlich Heinrich V. von Kessel 1262 – 1285 :

Die kriegerischen Auseinandersetzungen zehrten immer mehr an der Substanz, und brachten auch gegenüber dem Erzbischof eine immer höhere Verschuldung. Grevenbroich mußte an ihn verpfändet werden, nachdem das Westfälische Bündnis gegen den Erzbischof 1278 auseinandergebrochen und verloren war. Heinrich V. mußte sogar Ligischer Vasall von Erzbischof Siegfried von Westerburg werden., also total abhängig und ausschließlich gebunden.

Heinrich V. hatte mit der superreichen Kölner Patriziertochter Gertrud von der Stessen zwei wahrscheinlich im Kindesalter verstorbene Mädchen (Annahme: 1274/1275). Aber keinen Sohn. (Der Name von der Stessen begegnet uns wieder in Köln im 14. Jhdt).

Und mit Lisa von Virneburg blieb die Ehe kinderlos.

Heinrich V. und seine Frau Lisa, eine geborene Gräfin von Virneburg, durften sich nur noch Herr und Herrin von Grevenbroich nennen.

Der Verlust des Grafentitels wurmte Lisa vermutlich sehr.

Damals kam es nicht auf das Töten eines Adeligen, sondern auf dessen Gefangennahme an. So finanzierte man sich seine Kriegskosten und kam zu neuen Besitzungen.

Zum Beispiel hatte die Gefangennahme eines Ritters mit ausgebildetem Streitroß, Ausrüstung, Ersatzpferd, Kappen usw. durchaus den Wert eines Einfamilienhauses, zuzüglich Lösegeld !! Wenn das dann mehrmals passierte, war man letztlich am Ende.

Um Grevenbroich wegen der Verpfändung nicht in die Hände des Erzbischofs fallen zu lassen, verkaufte Heinrich V. schließlich seine gesamte Grafschaft an seine Verwandten, Jülich bekommt Grevenbroich, Brüggen und die Südbesitzungen, und Geldern bekommt das Land Kessel an der Maas mit dem Grafentitel und Krone. Es bestanden ja seit neun Generationen alte Verwandtschaftsbeziehungen mit Geldern über Kriekenbeck.

1285 verstirbt Heinrich V., drei Jahre vor der Schlacht bei Worringen, quasi entmachtet, und 1305 verstirbt sein Bruder Walram, beide kinderlos.

Lisa von Kessel, geb. von Virneburg, die Witwe von Heinrich V., wurde noch innerhalb des üblichen einjährigen Trauerjahres durch Sonderdispenz des Erzbischofs von Köln in 2. Ehe mit Luf I. von Kleve zur Gräfin von Hülchrath. Endlich wieder Gräfin ! – Sie hatten zwei gemeinsame Kinder, Dietrich Luf II. v. Hülchrath und Adelheid, verheiratet mit Rudolf v.Reifferscheid-Millendonk. Luf wurde in der Schlacht bei Worringen 1288 gefangen genommen. Das Lösegeld muß so heftig gewesen sein, daß er danach für den Rest seines Lebens politisch und wirtschaftlich nie mehr so recht auf die Beine kam. Die ehrgeizige Lisa von Kessel, jetzt verheiratete Hülchrath, hatte so gesehen auch in ihrer zweiten Ehe Pech. Vielleicht steckte Jülich dahinter, Hülchrath als Kölner Machtbereich so schwach zu halten, daß es dem nahen Jülicher Grevenbroich nie mehr gefährlich werden konnte. Der Zank um Grevenbroich dauerte jedoch noch fast 20 Jahre an, bis zu einem nicht gerade unparteiischen, aber endgültigen Schiedsspruch zugunsten Jülichs im Jahre 1307. Der Schiedsherr, der Herzog von Brabant, war bemerkenswerterweise verwandt mit Jülich.

Somit sind die Grafen von Kessel im Jahre 1305 nach rund 300 Jahren ausgestorben.

Die kleine Grafschaft „Kessel“ war im Machtgefüge der sie umgebenden größeren Territorien von Kurköln, Jülich, Geldern und Berg aufgesogen worden. Was aber von der „Grafschaft Kessel“ bleibt, ist für einige Jahrhunderte noch die geographische und kartographische Bezeichnung „Rittertum Kessel“, oder heute noch in der Niederländischen Provinz Limburg „Das Land von Kessel“.

Diese hier geschilderten Zeitumstände widerlegen vielleicht den Historikervorwurf, die „Herren Grafen“ hätten nicht mit Geld umgehen können.

Die Ritter von Kessel